Kobaltblaue Gefäße aus Theresienthal
Die hier vorgestellten kobaltblauen Theresienthaler Gefäße haben neben der Glasfarbe alle eine Gemeinsamkeit:
Sie tragen eine Ätzmarke, die aus einem aus zwei Linien gebildeten Oval besteht, in dessen Innerem sich ein ebenfalls
ovaler "Spitzenrand" befindet, in dessen Zentrum das Theresienthaler "TH" steht. In anderer Ausführung, nämlich in Gold gemalt
und in der Gestaltung etwas reduziert, ist diese Marke ebenfalls nachzuweisen. Auf einem offenbar für den angelsächsischen
bzw. angloamerikanischen Markt bestimmten Werbeartikel befindet sich das Theresienthaler "TH" umgeben von einem ovalen
"Spitzenrand". Weil manchmal etwas unleserlich verwischt, wird diese Marke fälschlicherweise auch als "TM"
gelesen, so z.B. im Band V "Jugendstil in Bayern und Schlesien" des von Georg Höltl herausgegebenen Werkes über das
Böhmische Glas, dort Seite 54. Von Christiane Sellner werden ebenda vergleichbare Gefäße Bruno Mauder, dem damaligen
Leiter der Zwieseler Fachschule, bei gleichzeitiger Fehlinterpretation der Glasmarke auf einem dieser Gefäße, zugeschrieben.
Diese hier von Sellner eingeführte Weise, diese Marke zu lesen, ist falsch, auch wenn der Entwerfer dieser und
ähnlicher Gefäße Bruno Mauder gewesen sein sollte. Zwar scheint gesichert, dass Bruno Mauder
vergleichbare Gefäße für die Regenhütte entworfen hat (Vergl. Christiane Sellner, Gläserner Jugendstil aus Bayern, Seite
172 ff.. und Schöne-Chotjewitz, Seite 113 (siehe unten)), folgt man allerdings Katrin Schöne-Chotjewitz in ihrem
Buch "Die Fachschule für Glasindustrie in Zwiesel unter der Leitung von Bruno Mauder (1910-1948)", dann wird ein
Entwurf dieser und ähnlicher Gefäße durch Carl Rehm oder Jean Beck ebenso in Betracht kommen, zumal offenbar das
Verhältnis zwischen Bruno Mauder und den Verantwortlichen in Theresienthal nicht spannungsfrei gewesen ist. Jedenfalls
ist "das farbige Glas in Kobaltblau" damals "sehr in Mode und wird in unterschiedlicher Qualität in allen Hütten des
Bayerwalds produziert" (Ebd., Seite 79). So existieren auf unterschiedliche Weise veredelte kobaltblaue Gefäße dieser Zeit
u.a. auch aus der Hand von Bernhardine Bayerl, München, der Firma Echinger und Kleiber, Zwiesel, aus der
Fachschule selbst und auch von Jean Beck (mit dessen Ätzsignatur). Nebeneinander gestellt offenbaren diese Gefäße aber
durchaus unterschiedliche Nuancen der Farbe Kobaltblau.
Die abgebildete Signatur ist eindeutig als
THeresienthal und nicht als
Theresienthal
Mauder zu lesen.
(Vergl. dazu Stephan Buse, Theresienthaler Glasmarken in: Der Glasfreund, Heft 32, August 2009, Seite 14ff.)
Es wäre durchaus denkbar, dass anders als Sellner vermutet, nicht Bruno Mauder als Entwerfer dieser Stücke das historisierende Repertoire
Theresienthals berücksichtigt hat (zumal dieses nur bei einigen dieser Theresienthaler Gefäße zu entdecken ist),
sondern dass man für Theresienthal Gefäße, die den Entwürfen Mauders (und anderer Entwerfer) vergleichbar waren,
entworfen, und zur Abgrenzung gegenüber den Entwürfen Mauders (und anderer Entwerfer), die für andere Glashütten
gefertigt worden waren, eben die Theresienthaler Ätzmarke eingesetzt hat.
Die hier gezeigten Theresienthaler Gefäße erinnern an kobaltblaue Gefäße in venezianischem Stil, wie sie Bruno Mauder
als Direktor der Glasfachschule in Zwiesel entworfen hate und die beispielsweise von der Regenhütte ausgeführt wurden
(Vergl. hierzu die Preisliste der Krystallglasfabrik vorm. Steigerwald Regenhütte, Max Burmester und Marianne Streber-Steigerwald,
Leipzig o.J., Seite 52-60 (BayHStA 41981, auszugsweise nachgedruckt in Katrin Schöne-Chotjewitz, Die Fachschule für
Glasindustrie in Zwiesel unter der Leitung von Bruno Mauder (1910 - 1948), Schriften des Passauer Glasmuseums Band 2,
Passau 1997, S. 114ff..) In der besagten Preisliste hat Bruno Mauder selbst die Entwürfe gekennzeichnet, die er für die
Regenhütte angefertigt hat.). Hier zunächst zwei Abbildungen aus der Zeitschrift Die Kunst vom März 1915 (Seite 191),
die gleichartige Gefäße von Bruno Mauder zeigen:
Formähnliche Gefäße wurden aber auch von Carl Rehm entworfen und von der Firma Franz Steigerwald's Neffe auf der Deutschen
Werkbundausstellung in Köln 1914 ausgestellt, und sie waren auch 1918 noch aktuell:
Abbildung in: Deutsche Form im Kriegsjahr, Die Ausstellung von Köln 1914, München 1915, Seite 94
Abbildung in: Kunst und Handwerk, München 1918, Seite 20
Wo die Firma Steigerwald`s Neffe die von Carl Rehm entworfenen Gläser hat produzieren lassen, war lange unbekannt.
In der "Neuen Sammlung - Design in der Pinakothek der Moderne, München" wird eine kobaltblaue Schale allerdings
wohl aufgrund des Inventarverzeichnisses folgendermaßen
zugeschrieben: "Karl (sic!) Rehm, Schale, Glasfabrik Theresienthal, um 1915. Foto: Die Neue Sammlung (A. Laurenzo)".
Das Foto dieser Schale ist im Internet veröffentlicht auf der Website "Jean-Beck.de":
Kobaltblaue Schale, Carl Rehm.
Diese Schale trägt eine Marke von Carl Rehm, mit der offenbar die von ihm entworfenen und von Franz Steigerwald`s
Neffe vertriebenen kobaltblauen Gefäße gekennzeichnet wurden:
Das Inventarbuch der Neuen Sammlung nennt als Produktionsstätte für mehrere von Carl Rehm entworfene Gefäße, ebenso wie für einige in der
Sammlung vorhandenen vergleichbaren Gefäße seiner von ihm geschiedenen Ehefrau Wenz-Vietor, die Glasfabrik Theresienthal.
Somit sind erste Dokumente gefunden, die eine Verbindung von Carl Rehm über Steigerwald`s Neffe zu Theresienthal belegen.
(Mein Dank gilt Fr. Dr. Riemann für die freundlichen Auskünfte!)
Währenddessen sind alle bislang nachweislich Theresienthal zuzuschreibenden kobaltblauen Gefäße mit der hier
beschriebenen Theresienthaler Ätzmarke versehen worden.
Folgendes Szenario ist nun denkbar:
Die Firma Steigerwald`s Neffe hat die von Carl Rehm entworfenen Gefäße in Theresienthal
produzieren lassen, und neben dieser Linie für Steigerwald`s Neffe wurde in Theresienthal eine zweite Linie
kobaltblauer Gefäße produziert (von wem auch immer entworfen), die im eigenen Namen verkauft wurden. Denn wenn man schon
in solchem Glas gearbeitet hat, was liegt da näher, als selbst eine Serie von Gefäßen in dieser Farbe aufzulegen, zumal
diese Gefäße um die Zeit des ersten Weltkriegs herum offenbar recht beliebt waren. Wer für Theresienthal die Entwürfe
geliefert hat, oder ob Hans von Poschinger selbst die Entwürfe gefertigt hat, bleibt bislang unklar.
Hier folgen nun kobaltblaue Gefäße, die nachweislich aus Theresienthal stammen und mit dem Signet der Glashütte verkauft wurden:
Vase ca. 17,5 cm hoch; Ätzmarke "TH" im Spitzenrand; ca. 1913-1920.
Vase ca.15,8cm hoch,die Öffnung hat einen Durchmesser von ca.9,3cm, fünf verschiedene florale Muster
wurden graviert und vergoldet; Ätzmarke "TH" im Spitzenrand; ca. 1913-1920.
Schale, ca. 5,5cm hoch, oberer Durchmesser ca. 15cm; umgeschlagener Rand, rippengeprägter Faden;
Ätzmarke "TH" im Spitzenrand; ca. 1913-1920.
Vase, ca. 21,8cm hoch, oberer Durchmesser ca. 15cm; im balusterartigen Hohlschaft zwei rippengeprägte
Scheibennodi; Ätzmarke "TH" im Spitzenrand; ca. 1913-1920.
Vase, ca. 17,2cm hoch, Dekor in Email und Gold; trägt Ätzmarke "TH" im Spitzenrand; ca. 1913-1920.
Fußschale mit Deckel, Höhe ca. 22cm; dunkelblaues Kobaltglas, unterhalb des Deckelknaufes rippengeprägte Scheibe als
Erinnerung an die Verzierungen der alten deutschen Gläser. Die Schale trägt unterhalb des Fußes eine Ätzmarke "TH" im
ovalförmigen "Spitzenrand".
Die hier gezeigten kobaltblauen Gefäße werfen noch Fragen auf:
1. Handelt es sich hier jeweils um Einzelstücke oder wurden sie in Kleinserien gefertigt?
Der Autor dieser Seiten hat jedenfalls, abgesehen von der Vase mit dem gravierten und vergoldeten Dekor,
die identisch im Glasmuseum Theresienthal steht, noch keine zwei identische Stücke gefunden.
2. Die Ätzmarke, die sich auf diesen Gefäßen befindet, lässt sich bislang nur auf vergleichbaren kobaltblauen Gefäßen
nachweisen. Daher sieht es z.Zt. so aus, als sei diese spezielle Marke nur zur Kennzeichnung dieser speziellen
Gefäße verwendet worden. War der Grund dafür, dass diese Gefäße ohne diese spezielle Kennzeichnung (zu) leicht verwechselt worden wären, etwa
mit den sehr ähnlichen Gefäßen Bruno Mauders oder Carl Rehms?
4. Welcher Entwerfer zeichnet für diese Gefäße mit Theresienthaler Marke verantwortlich?
Diese Fragen werden sich nur beantworten lassen, wenn Dokumente aufgefunden werden, in denen die entsprechenden Gefäße
nachweisbar wären.